Der PUNKT

Unterhaltende Propaganda

Der PUNKT. soll jedem und jeder ohne Einschränkung die Möglichkeit geben, Gedanken und Positionen zu äußern. Bei einem Artikel hat sich Martina Thiele zu Wort gemeldet und äußert ihre Position dazu.

Kommentar zur PUNKT. Ausgabe 01/2017

Prof. Dr. Martina Thiele vom Fachbereich Kommunikationswissenschaft hat sich nach Erscheinen der letzten Ausgabe des PUNKT. die Mühe gemacht und einen Kommentar auf den Beitrag von Maximilian Wagner „Wessen Uni – unsere Uni? Warum der Film ‚Die Feuerzangenbowle‘ zu lustig für den Unipark ist“ (S. 61, Ausgabe 1/2017) verfasst. In diesem hatte Maximilian kritisiert, dass der deutsche Film „Die Feuerzangenbowle“ von 1944 in der Vorweihnachtszeit 2016 nicht im Unipark gezeigt werden durfte.

Wir von der StV KoWi möchten euch diesen Beitrag von Martina Thiele nicht vorenthalten, sondern eine Plattform zum gegenseitigen Austausch bieten. An dieser Stelle sei aber noch einmal betont, dass die StV öffentliche Debatten unterstützt, selbst jedoch keine Stellung bezieht. Für den Inhalt sind die jeweiligen Autor*innen verantwortlich.


Kommentar von Martina Thiele

Unterhaltende Propaganda

Ergänzungen zu Maximilian Wagners Beitrag im PUNKT. Nr. 1/2017 „Wessen Uni – unsere Uni? Warum der Film ‚Die Feuerzangenbowle‘ zu lustig für den Unipark ist“

Maximilian Wagner kritisiert in seinem Beitrag für den PUNKT., dass der deutsche Film „Die Feuerzangenbowle“ von 1944 nicht im Unipark gezeigt werden durfte. Die Studienvertretung Anglistik & Amerikanistik hatte die Aufführung für Dezember 2016 geplant. Vermutlich ging es nicht nur um eine Filmvorführung, sondern auch um Party. Denn andernorts hat der Verkauf alkoholischer Getränke vor, während und nach dem Film immer recht viel Geld in die Kassen der Organisator*innen gespült. Insbesondere in Hochschulstandorten mit einer Vielzahl schlagender Verbindungen und Burschenschaften sind vorweihnachtliche „Feuerzangenbowlen“-Partys kommerziell erfolgreich.

Eine derartige Veranstaltung wurde seitens der Uni Salzburg nicht genehmigt. Die Begründung der Absage „der Universitätsleitung (ZWD)“ laute, so Wagner, dass es sich um einen Unterhaltungsfilm handele und solche nur an der Nawi gezeigt werden dürften. Stimmt das? Den Wortlaut des ablehnenden Bescheids kenne ich nicht. Als Kommunikationswissenschafterin, die sich schon während ihres Studiums in Göttingen mit Film im Nationalsozialismus und den sowohl beliebten als auch höchst umstrittenen „Feuerzangenbowlen“-Partys beschäftigt hat, möchte ich einige Informationen zum Film geben. Die fehlen nämlich in Wagners Beitrag vollständig.

Der Film „Die Feuerzangenbowle“ zählt zu den unterhaltenden NS-Propagandafilmen und damit ist eine erste wichtige Feststellung getroffen. Unterhaltung und Propaganda bilden im NS-Film nicht etwa einen Gegensatz, sondern durchdringen einander. Der Filmliebhaber, Reichspropagandaminister und oberste Zensor Joseph Goebbels hat mehrfach betont: „Gute Laune ist kriegswichtig.“ Und: Propaganda sollte nicht offensichtlich sein, sondern ‚subkutan‘ wirken. Die beste Propaganda sei die, die vom Publikum gar nicht als solche erkannt werde. Daher waren unterhaltende Filme besonders geeignet, die NS-Ideologie zu vermitteln und den Zuschauerinnen und Zuschauern zugleich Gelegenheit zu bieten, für zwei Stunden dem gar nicht mehr lustigen Kriegsalltag im Jahr 1944 zu entkommen.

Worum geht es nun in dem Film? Aus heutiger Sicht eine harmlose Geschichte: Ein anerkannter Autor, Dr. Pfeiffer, gelangt im Gespräch mit seinen Freunden und unter dem Einfluss etlicher Gläser Feuerzangenbowle zu der Erkenntnis, dass ihm, der privat unterrichtet wurde, wichtige, kollektive Erfahrungen fehlen. Er verjüngt sein Äußeres, wird zum Schüler und besucht das Gymnasium einer Kleinstadt. Mit den Jungs dort heckt er Streiche aus und verliebt sich in die pfiffige, blonde Tochter des Schuldirektors, was seine dunkelhaarige, mondäne Geliebte in der Stadt auf den Plan ruft.

Das alles ist fiktional und stellenweise lustig. Es treten aber nicht nur liebenswert verpeilte Oberstudienräte und gütige Direktoren auf, sondern auch zackige Junglehrer, die von Zucht reden und keine Bäume in den Himmel wachsen lassen möchten. Am Ende gesteht der Schüler Pfeiffer seine Streiche, entschuldigt sich, wird wieder zum Autor Dr. Pfeiffer und heiratet die Rektorstochter. Der Status quo ist wieder hergestellt, fast alles bleibt beim Alten. Regression und Infantilisierung der Hauptfigur deutet der Filmkritiker Karsten Witte sozialpsychologisch und als Flucht aus der Kriegsgegenwart 1944 „in die gute, alte Zeit“ des Wilhelminismus vor 1914: „Die Söhne erbauen sich an den Streichen ihrer Väter, weil die Väter ihnen ihre eigene Jugend stahlen, um die Söhne als Soldaten in den Krieg zu schicken.“

Mehr als 70 Jahre später mag dieser Film mit dem vor und nach 1945 beliebten „Volksschauspieler“ Heinz Rühmann harmlos wirken. Und in der Tat ist der gesellschaftliche Kontext heute ja ein anderer als damals. Die Produktions- und Rezeptionsbedingungen im Nationalsozialismus aber zu reflektieren und dem immer aktuellen Zusammenhang von Unterhaltung, Ideologie und Medien nachzugehen, sollte an einer Universität selbstverständlich sein. Deswegen bin ich dafür, Filme zu zeigen, auch NS- Filme, sich aber zugleich kritisch mit ihnen, ihren Entstehungsbedingungen, Inhalten und Intentionen auseinander zu setzen und zu fragen: Was wird uns da eigentlich zu sehen gegeben?

Ein Film wie „Die Feuerzangenbowle“ benötigt aber ersteres, Information und Diskussion.

Martina Thiele

Den Film hingegen im Rahmen einer Punschparty ohne einführende Worte und die Möglichkeit zur Diskussion danach aufzuführen, weckt Zweifel an den Absichten der Veranstalter*innen bzw. des engagierten Autors. Er hat zwar Recht, wenn er schreibt, dass die Uni offen sein muss für Veranstaltungen von Studierenden für Studierende. Sie soll, da stimme ich zu, Raum für Informationen und Diskussionen bieten und auch Raum für Feiern. Ein Film wie „Die Feuerzangenbowle“ benötigt aber ersteres, Information und Diskussion. Für den gemeinschaftlichen Konsum berauschender Getränke gibt es bessere Anlässe. Und vielleicht auch bessere Orte als den Unipark.

Literaturtipps:

Witte, Karsten (1995): Lachende Erben, Toller Tag. Filmkomödie im Dritten Reich. Berlin: Vorwerk 8. Der Autor gibt darin Antworten auf die Frage: „Wie faschistisch ist die ‚Feuerzangenbowle‘?“

Auch gut: http://feuerzangenbowle.blogsport.de/

Wenn auch du eine Meinung zu dem Thema hast, teil sie uns gerne als Kommentar mit.

Der Artikel von Wagner ist im PUNKT. 01/17 erschienen.

Ein Kommentar

  • SaschaPascal

    Frau Thiele,

    es stimmt: Der Film „Die Feuerzangenbowle“ diente in den letzten Kriegstagen auch zu Propagandazwecken, vor allem zur Ablenkung der Bevölkerung von den Zerstörungen durch die immer näher rückenden allierten Kräfte, aber auch die Verbrannte-Erde-Politik von Hitler und dem Elend allgemein.

    Allerdings muss man hier auch einige Dinge bedenken, die sie womöglich nicht bedacht haben: Da der Filmbetrieb im NS-Regime bereits einer der ersten Bereiche war, der gleichgeschaltet wurde, müssten Sie damit theoretisch jeden Film aus der Zeit von 1933-1945 auf eine schwarze Liste stellen. Das wird aber aus guten Gründen nicht gemacht, weil so ein Pauschalurteil ungerecht für manche Filme und Schauspieler wäre, beispielsweise die Filme mit Hans Albers, der ja bekannterweise zwar auch mitgespielt hat, um nicht an der Ostfront zu enden, wo er als Ehemann einer jüdischen Schauspielerin sicher gelandet wäre (und sie dann nicht mehr hätte schützen können).

    Und es verkennt auch, dass anders als bei Filmen wie „Jud Süß“, die eindeutig politischer Natur bis heute geblieben sind und somit wirklich als „Propagandafilme“ angesehen werden können, die Propagandafunktion der Unterhaltungsfilme nach dem Krieg ein Ende gefunden hat: Wo kein Krieg, kein NS-Regime, von dem ein Film ablenken kann, da ist der Film dann reine Unterhaltung.

    Wir sollten uns auch den Inhalt des Filmes anschauen: Worum geht es in der Feuerzangenbowle: Es geht wie sie beschreiben um eine Komödie und nebenbei kommen grade die Lehrer, die so zackig stolz daherkommen, schlecht weg im Film, was dem Film fast ein Verbot durch das Reichsschulministerium einbrachte. Der Film wurde nur darum erlaubt, weil Rühmann bekannterweise persönliche Beziehungen zum NS-Regime hegte – vor allem, um weiter seinen Beruf machen zu können und nicht wie viele der Schauspieler nach dem Dreh an der Ostfront zu enden, das mag entschuldigend klingen, aber wir sollten als Nachkriegsgeborene, die wir die Situation von damals nicht emotional einschätzen können, nicht aburteilen über die Handlungen der damaligen, wenn sie sich nur der Kollaboration, aber nicht der Täterschaft schuldig gemacht haben -, aber Hitler mochte auch „Der Große Diktator“, wie man aus persönlichen Aufzeichnungen weiss und der Film gilt bekannterweise als Anti-NS-Film. Vielleicht ist da die Einschätzung der Menschen der Vor-68er-Zeit, die sich sagte, dass es sie nicht von der NS-Zeit unterscheiden würde, wenn sie jeden Nazi-Kollaborateur mit lebenslangem Berufsverbot und der Diffamierung seiner Werke belegen würden, doch besser als die der 68er Generation, die da ja bekannterweise intoleranter (also weniger erduldend) war.

    Das sind aber alles Dinge, die in der Kinoveranstaltung, da kenne ich Max Wagner gut genug, vorgebracht worden wären. Das tragische ist vor allem, dass die Ablehnung der Uni so zeitnah passierte, dass die StV Anglistik keinen Einspruch mehr einlegen konnte (man könnte fast Absicht vermuten), oder sich hätte erklären können. Und sowas sollte eigentlich nicht sein an einer Universität, wo es um die Diskussion unter gleichen geht, nicht um eine über allen thronende Verwaltung, die die Eigeninitiativen der Studierenden untergräbt. Das wäre dann eher ein totalitäres Regime, dass keiner wirklich möchte.

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